Fremde

Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus auf der Couch: In seinem Essay »Migration, Fremdenangst und Antisemitismus« erklärt der Gastautor Yigal Blumenberg – ausgehend von einem unbeabsichtigt tiefsinnigen Zitat Horst Seehofers – psychologische Ursachen für die Ablehnung von Unbekanntem. Wer sich nie erfolgreich von seinen Eltern separiert hat, fühlt sich von „Fremdem“ bedroht und schreibt ihm die Schuld an seinem Unglück zu. Fremdenangst und Antisemitismus können deshalb, so Blumenberg, als Folge eines gestörten Selbstverhältnisses gelesen werden: Der eigene Selbsthass wird auf andere projiziert. Rassismus und Antisemitismus – ein stummer »Schrei nach Liebe«? Alle Leser:innen sind eingeladen, die Thesen im (moderierten) Kommentarteil zu diskutieren.

Migration, Fremdenangst und Antisemitismus

17.08.2019, Dr. phil. Dipl. Psych. Yigal Blumenberg

Der Fremde und die Fremdenangst

Als Innenminister Horst Seehofer am 6. September 2018 nach den Kundgebungen und Aufmärschen rechter Gruppen in Chemnitz geradezu unumstößlich äußerte: »Die Migrationsfrage ist die Mutter aller politischen Probleme in diesem Land«, sprach er wohl intuitiv eine tiefere Wahrheit aus, die allerdings kaum näher beleuchtet wurde; vielleicht, weil offenbleiben muss, ob Seehofer selbst oder die Öffentlichkeit sich dessen bewusst war. Migration meint ein Verlassen des angestammten Landes, der Herkunftsgesellschaft, der alltäglichen Kultur, der Verwandtschaft und Familie und damit notwendigerweise eine Begegnung mit Fremden. Seehofers Aussage wörtlich genommen, lesen wir: Die Trennung von der heimatlichen Kultur und die Begegnung mit Fremden ist die »Mutter« aller Probleme, Ursprung aller Not und Schwierigkeiten im Leben (nicht nur) Deutschlands.

Es lohnt sich, die immer wieder vorgebrachten ökonomischen, kulturellen und politischen Überlegungen mit einigen psychoanalytischen Gedanken zu bereichern: In der Tat erscheint die Trennung von Land, Kultur und Elternhaus und die Erfahrungen, die wir herbei machen, wesentlich verantwortlich für viele Probleme in unserem Alltag zu sein. Insbesondere handelt es sich um die Frage, inwieweit wir uns von den Eltern zu unterscheiden beginnen, separieren und uns als erwachsene Individuen erleben können. Und tatsächlich ist es diese Problematik des »Abnabelns«, die dafür verantwortlich ist, wie wir dem Fremden begegnen; ob wir uns über die Maßen ängstigen und möglicherweise den Fremden als Fremden feindselig erleben.

Sigmund Freud hat in seinen Überlegungen zu den »Widerstände(n) gegen die Psychoanalyse« diese Problematik auf den Punkt gebracht und eröffnet seine Überlegungen mit folgender Beobachtung:

»Wenn sich der Säugling auf dem Arm der Pflegerin schreiend von einem fremden Gesicht abwendet (…) (dann) handelt es sich um die Unlust, die beim Kinde elementaren Ausdruck findet … die Quelle dieser Unlust aber ist der Anspruch, den das Neue an das Seelenleben stellt, der psychische Aufwand, den es fordert, die bis zur angstvollen Erwartung gesteigerte Unsicherheit, die es mit sich bringt«

– 1925c, S. 99

Der Säugling wendet sich nämlich schreiend vom fremden Gesicht ab, weil er es nicht als das seiner Mutter erkennt und die Wahrnehmung des Fremden ihm die Abwesenheit der Mutter bedeutet. Aller Halt und alle Geborgenheit, auf die der Säugling sich fraglos verlässt, scheint plötzlich gefährdet oder verloren. Und dieses Erleben einer Getrenntheit, das dem Säugling ein Verlassensein und drohendes Ausgeschlossensein von Sicherheit, Wärme und Vertrauen bedeutet, löst eine heftige Angst aus. Der Säugling erfährt ja geradezu täglich sein Genährtwerden als ein »Stillen«, das ihn beruhigt, ihm ein vertrauensvolles Gehaltensein und eine basale Zugehörigkeit vermittelt – gleichsam ein erstes Erleben einer mehr oder minder unbezweifelbaren Heimat, die er aber in der Begegnung mit »einem fremden Gesicht« glaubt, nun verloren zu haben. In dieser Perspektive erweist sich also die Suche nach der Heimat als eine Suche nach unserem ersten Erleben eines Ortes fragloser Zugehörigkeit – der Mutterleib, aus dem wir stammen und zu dem wir immer wieder in Träumen, Phantasien und der Liebe sehnsüchtig hinzustreben suchen. Es war gleichsam das Paradies, in dem wir warmgehalten und genährt wurden, uns auserwählt und erhaben wähnen durften. In dieser täglichen Anstrengung und mit jedem Atemzug im Säugling und Kleinkind wächst und erneuert sich auf diese Weise und Kultur und gesellschaftliches (Er-)Leben.

Der Säugling und später das Kleinkind ist mit der Geburt gleichsam unaufhörlich der Anstrengung ausgesetzt, die Getrenntheit und die unumkehrbare Separation von jenem »heimatlichen Paradies« wahrzunehmen, zu ertragen und anzuerkennen – und damit auch der unvermeidlichen Begegnung mit Neuem und Fremdem. In dem Sinne dürfen wir auch sagen: Heimat ist immer schon das, was wir verloren haben. Und umgekehrt: Das unbedingte Festhalten an der sehnsuchtsvollen Vorstellung bzw. Phantasie, jene Heimat wiederherzustellen, markiert eine tiefere Selbstunsicherheit, Angst und Feindseligkeit, die sich tief in der seelischen Entwicklung versenkt haben und sich später pulsierend im Erwachsenen bemerkbar machen.

Und weil der Säugling so grundlegend von den ersten Bezugspersonen als seiner »ursprünglichen Heimat« seelisch und körperlich existentiell abhängig ist, sich selbst ungetrennt von der Pflegeperson empfindet und sie auch als Quelle allen »Stillens« und Vertrauen tief in seiner inneren Welt verankert, muss ihn die Heftigkeit solcher Trennungsängste in seiner inneren Welt intensiv bedrohen; er wird sich geradezu als verfolgt empfinden, sich unvollständig, mangelhaft, lästig und nicht liebenswert zu sein erleben. Hierin ist die Quelle von Selbsthass und Feindseligkeit zu suchen, aus der der gewalttätige Antrieb angesichts des fremden Antlitzes entspringt.

Der unerträgliche Schmerz des Getrenntseins von der Person, die ihn zu beruhigen vermochte, lässt das Kleinkind panikartig eine Entlastung suchen, indem es sich von diesem Schmerz in seiner inneren Welt in einer Schuldzuschreibung der äußeren Welt zu befreien sucht. In diesem Licht müssen wir wohl dem Kleinkind Recht geben, dass es seinen Schmerz als im Außen, sprich: durch die Pflegeperson(en), verursacht empfindet. Zugleich aber handelt es sich damit heftige Konflikte ein: Die reaktiven feindseligen Regungen gegen die Pflegeperson bedrohen zugleich die Beziehung, die das Kleinkind auch »stillen« und ihm Sicherheit vermitteln könnte. Und wenn diese Konflikte in der Eltern-Kind-Beziehung nicht er-/getragen und (aus-)gehalten werden können, wird sich das Kind durch projektive Verschiebung auf »Nicht-Eltern«, sprich: Fremde, immer wieder eine Entlastung zu verschaffen suchen. So bedingen sich dann im Erwachsenenleben Selbsthass und Fremdenfeindlichkeit bzw. –hass, spiegeln sich ineinander und schaukeln sich auf.

So wird nicht nur verständlich, dass der Qualität und dem Zeitpunkt einer von den Pflegepersonen/Eltern zugemuteten Separation – durch eine Krippe, Kindertagesstätte etc. – eine immense Bedeutung zukommt. Vielmehr noch bleibt bei aller äußeren realen Not auch die elementare Frage: Können die Eltern den Schmerz und die Wut des Kleinkindes verstehen und einfühlsam akzeptieren? Oder müssen sie, z. B. weil sie es selbst nicht anders erfahren haben, mit der Haltung und Einstellung antworten: »Je früher das Kind es lernt, desto besser«»es muss sich halt zusammenreißen« »es kann nicht ewig bemuttert und verzärtelt werden« etc. Eine solche Antwort wird naturgemäß zu einer kindlichen Anpassung an die Bedürfnisse der Eltern und zugleich zu einer Unterdrückung des Schmerzes, der Wut und der Traurigkeit, einem intensiven Selbsthass und schließlich einer rigiden Einfühlungsverweigerung führen und durch eine projektive Verschiebung befreien müssen. Auf diese Weise verkümmern liebevolle Regungen sich selbst und anderen gegenüber wie auch Einfühlung und Empfindsamkeit und unterliegen sozusagen der (An-)Drohung, erneut Schmerzen erleiden zu müssen, sollten sich unerträgliche Schmerzen, eine heftige panikartige Wut und Traurigkeit erneut regen. Schließlich hören wir nur noch ein Greinen und erleben, wie S. Mentzos es trefflich ausdrückte, eine (an-)klagende depressive Haltung, eine »demanded dependency«, eine gleichsam geforderte Abhängigkeit.

»[…] Sie (Das Harfenmädchen) sang das alte Entsagungslied,
das Eiapopeia vom Himmel,
womit man einlullt, wenn es greint,
das Volk, den großen Lümmel. […]«

– H. Heine, Deutschland. Ein Wintermärchen

Fremdenhass und Antisemitismus

Kommen wir nochmal auf Freud zurück und auf den Clou seiner Überlegungen zu den »Widerstände(n) gegen die Psychoanalyse«: Eröffnete er seine Gedanken mit dem schreienden Säugling, so beendete er sie mit folgenden Worten:

»Endlich darf der Autor in aller Zurückhaltung die Frage aufwerfen, ob nicht seine eigene Persönlichkeit als Jude, der sein Judentum nie verbergen wollte, an der Antipathie der Umwelt gegen die Psychoanalyse Anteil gehabt hat. Ein Argument dieser Art ist nur selten laut geäußert worden, wir sind leider so argwöhnisch geworden, dass wir nicht umhin können zu vermuten, der Umstand sei nicht ganz ohne Wirkung geblieben. Es ist vielleicht auch kein bloßer Zufall, dass der erste Vertreter der Psychoanalyse ein Jude war. Um sich zu ihr zu bekennen, brauchte es ein ziemliches Maß von Bereitwilligkeit, das Schicksal der Vereinsamung in der Opposition auf sich zu nehmen, ein Schicksal, das dem Juden vertrauter ist als einem anderen.«

– a. a. O., S. 110

Was hat nun der schreiende Säugling, der ein fremdes Gesicht erblickt, mit der Ablehnung des jüdischen Vaters der Psychoanalyse zu tun? Es ist das Neue, das als Fremdes begegnet. Der schreiende Säugling wie das judenfeindliche Ressentiment schreien geradezu voller Angst angesichts des Fremden und suchen panikartig und unbedingt nach dem ursprünglich erlebten heimatlichen Gefühl einer ungestörten, homogenen Zugehörigkeit. Der Vater der Psychoanalyse löste sowohl als Jude wie auch mit seinen Überlegungen zu unserer fremdgewordenen inneren Welt das Erleben aus, die Begegnung mit dem störenden Fremden nicht vermeiden zu können. Der Jude repräsentiert(e) im Abendland immer schon das Schicksal des vereinzelten Individuums, das sich von der christlichen Umwelt ausgeschlossen sah; war immer schon ein störender Fremder, der nirgends hingehört und getrennt von Heimat und Boden, gleichsam ein »ewig Wandernder«, sprich: Migrant, und in einem Gegensatz zur sich homogen empfundenen Gemeinschaft positioniert – bis hin zur Diffamierung und Liquidation auch der »jüdischen Psychoanalyse« im nationalsozialistischen Deutschland.

Freuds titelgebende Überlegungen zu den »Widerständen gegen die Psychoanalyse« führen uns also auf die beunruhigende Situation der Begegnung mit dem Fremden zurück, der gleichsam eine Getrenntheit und Nichtzugehörigkeit bzw. ein Ausgeschlossensein repräsentiert und damit an die Unerträglichkeit rührt, alleine zu sein und in die Position eines »vereinsamten Individuums in der Opposition« geraten zu können. Und es ist natürlich kein Zufall, dass es hier um die Widerstände gegen das psychoanalytische Denken handelt: Denn dieses Denken konfrontiert uns mit dem Unbekannten in unserer seelischen Welt, das wir ursprünglich unter Schmerzen und angstvoll aus unserem Bewusstsein verdrängt und ausgeschlossen haben. So muss uns eine erneute Begegnung mit der konflikthaften Beziehung zwischen dem Vertrauten und Fremden und mit dem von uns selbst Ausgeschlossenen heftige Emotionen voller Unmut, Angst und oft auch Hass hervorrufen und erregen. Die Angst vor dem Fremden kann uns dann auch dazu treiben und verführen, sich verzweifelt an Illusionen und Sehnsüchten festzuhalten, nur um nicht im Alleinsein von einer schmerzlichen Einsamkeit überschwemmt zu werden.

»Sie/wir sind keine Nazis!«

Nun hatte Seehofer im Kontext seiner Bemerkung zur Migrationsfrage ausdrücklich Verständnis für die empörten Demonstranten ausgedrückt und meinte, dieser Protest mache sie noch lange nicht zu »Nazis«. Diese Bemerkung, die allenthalben zu hören ist, bestätigt allerdings geradezu den sozusagen inkriminierten Zusammenhang: Zwar kann in dieser Allgemeinheit dieser Bemerkung kaum widersprochen werden. Denn wer ist ein »Nazi«? Ein mit dem Nationalsozialismus identifizierter Bürger? Jemand, der sich vorbehaltlos hinter Björn Höcke stellt? Ein Pegida-Mitläufer? Menschen, die sich vor einer unbegrenzten Einwanderung Geflüchteter oder Asylsuchender ängstigen? Im Kontext seiner »Migrationsfrage« wollte Seehofer wohl ausdrücken, dass jene Demonstranten etwas Berechtigtes zum Ausdruck bringen, gerade weil sie keine »Nazis« seien. Aber Seehofers vermeintlich rücksichtsvolle Abgrenzung von zu verurteilenden »Nazis« bringt in der Mentalität jener vermeintlichen »Nicht-Nazis«in Chemnitz ganz ungewollt genau das Gegenteil von dem zum Ausdruck, was Seehofer zu verlautbaren suchte: Zum einen musste der Eindruck, eben auch für Seehofer, entstehen, die protestierenden Bürger verhielten sich in der Tat ganz ähnlich wie die nationalsozialistisch identifizierten Bürger in den Jahren 1933-45, denen es ja vor allen Dingen darum ging zu proklamieren, wer nicht zum »Volk«oder zur »Volksgemeinschaft« gehöre. Der Kern des Nationalsozialismus war immer schon der Antisemitismus. Die Staatsbürgerschaft von der Abstammung abzuleiten, wollte geradezu das von den Nationalsozialisten hochgehaltene Ideal eines »reinen Blutrechts« als wesentliches Kriterium einführen. Zum zweiten brachte Seehofers Bemerkung die Logik eines Heinrich von Treitschke zum Schwingen, der die sogenannte »Judenfrage« im Antisemitismusstreit 1879 zum Politikum machte: »Die Juden sind unser Unglück!« hieß es. In diesem zum Ausdruck gebrachten Gefühl, unglücklich zu sein, wird der Andere, sprich: der Jude projektiv für das Unglücklichsein verantwortlich gemacht. Übersetzen wir es: »Ich bin unglücklich, weil die Juden anwesend sind; sie stören meine Sehnsucht nach einer ungeteilten Zugehörigkeit und homogenen Heimat. Deswegen fühle ich mich unvollkommen, mangelhaft und verwerflich«. Dies ist offenkundig ein Ausdruck des Selbsthasses.

In diesem Sinne entstammt der moderne juden- und fremdenfeindliche Blick einem verborgenen Selbsthass, wird von diesem getrieben und sucht sich projektiv zu entlasten. Es ist dieser verborgene psychodynamische Zusammenhang zwischen Fremdenfeindlichkeit, -hass und Antisemitismus, den Seehofer indirekt in einer Verneinung ausspricht. Unbeabsichtigt, so jedenfalls kann vermutet werden, machte er sich zum Repräsentanten und Sprachrohr dieser Dynamik.

In diesem Kontext könnte verständlich werden, warum sich immer wieder das Einklagen einer Heimat jener sogenannten »Abgehängten« mit dem verzweifelten Ruf »Wir sind das Volk!« verknüpft: Die als desolat erlebten sozialen Zustände sollen gleichsam mit einem illusionären Wiederherstellen einer homogen und ungestört empfundenen Heimat gelindert werden. In dieser Sehnsucht, die alle seelischen und sozialen Konflikte fliehend zu vermeiden sucht, darf offenkundig nicht mehr wahrgenommen werden, dass in der Begegnung mit dem Fremden, wir bereits das Vertraute, Heimelige, sprich: die Heimat, unwiderruflich verloren, hinter uns gelassen haben. Deswegen ist das Sprechen von der Heimat bereits ein Sprechen über das Verlorene. Das Bestreben, Heimat Wirklichkeit werden zu lassen, muss – weil es ein illusionäres und unmögliches Unterfangen, eine geradezu totalitäre private Utopie darstellt – Gewalt und Zerstörung mit sich bringen.

So scheint in einer populistischen Politik der Selbst- und Fremdenhass mit einer tief gestörten Selbstliebe verknüpft, sprich: mit einem gestörten Narzissmus, der die Einfühlung in den Anderen verunmöglicht. Dies wird im Übrigen häufig missverstanden: Es ist gerade ein gestörter Narzissmus, wenn eine Person sich selbst gerade nicht hinreichend zu lieben vermag. Das um sich selbst kreisen ist vielmehr ein verzweifelter Versuch, in sich selbst liebevolle Gefühle – für sich selbst und für andere – zu finden.

Narzissmus, Heimat und Populismus

In dem hier beschriebenen Sinne darf mithin Seehofer recht gegeben werden: Die Begegnung mit dem Fremden ist die Grundfrage unseres demokratischen Gemeinwesens. Denn wenn Hass blind macht, dann kann ich den Anderen als Anderen nicht wahrnehmen und anerkennen. Zudem vertragen sich Ängste vor einem als störend empfundenen Fremden mit einer demokratischen Haltung recht schlecht, erscheinen tendenziell eher als sich gegenseitig ausschließend (F. Biess). Besäßen Kinder die Kraft von Erwachsenen, würden sie nicht selten anderen, die ihre Sehnsüchte nicht teilen, den Kopf einschlagen. Unsere archaischen und frühkindlichen Gefühle kennen nicht das Gebot der Toleranz und die notwendige Anerkennung der Getrenntheit und Differenz. Unterschiedliche und gegensätzliche Werthaltungen oder Einstellungen lösen Unsicherheit und Ängste aus, sollen schlichtweg aus der inneren Welt verbannt und partout nicht erlebt werden. Die Sehnsucht nach dem paradiesischen Mutterleib, in dem der erhebende Narzissmus schier ungestört schien, und sich im Erwachsenenleben als Einklagen einer ungestörten Heimat kundtut, ist unduldsam, tyrannisch und allzeit gewaltbereit. Ebenso wie Glück und Gott erscheint Heimat und die illusionäre Vorstellung eines »homogenen Volkes« sozusagen »objektiv« als in einen Begriff eingefrorene kindliche Gefühle, die sehnsuchtsvoll angestrebt werden. Glück, so Freud, ist ein Gefühl aus längst vergangenen Kindheitstagen; deswegen macht ja auch Geld nicht glücklich; das Kind kann nämlich mit dem Geld nicht viel anfangen.

Es kostet eine Menge Zeit, Kraft und Anstrengung – vor allen Dingen die notwendige Idealisierung und Identifizierung mit unseren »Vor(aus)gesetzten«, sprich: Eltern – bis wir schrittweise Zwiespältigkeiten und Kompromisse »zähneknirschend« auszuhalten, anzuerkennen und zu akzeptieren bereit sind. Dann erst können in einer pluralistischen Demokratie Fremde und Andersdenkende als Gleiche anerkannt, Ambivalenzen ertragen und Kompromisse geschlossen werden. Aber genau dies gilt einem rechtspopulistischen Denken, das unbedingt nach Heimat verlangt, nur als Verrat an scheinbar unbezweifelbaren Vorstellungen oder Prinzipien, besser: Sehnsüchte, erscheinen, geradezu als ein Angriff auf den (gestörten) Narzissmus. Das, was wir im politischen Alltag als Populismus bezeichnen, erscheint dementsprechend sozusagen als Ausdruck eines »Bauchgefühls«, das rücksichtslos kindlichen Gefühlen Worte verleiht, die sich dann als solche unbemerkt in den Gedanken und Vorstellungen des Erwachsenen Geltung verschaffen und schließlich in den sozialen Zusammenhang hineintransformiert bzw. -projiziert werden. Darin offenbart sich dann die dem Populismus eigene unerträgliche Anstrengung, Differenzen und Gegensätze auszuhalten und sich auf einen langen Weg der Auseinandersetzung (z. B. im Parlamentarismus) zu begeben.

In einer psychoanalytischen Perspektive kann also gesagt werden, dass in uns allen der erhabene Narzissmus einer »His Majesty the Baby« (S. Freud) und daher auch der Populismus lauert; gleichsam in unserem seelischen Geschehen bereitliegt, »aus der Haut zu fahren«. Daher geht es hier und schon lange nicht mehr um Ränder unserer Gesellschaft, in denen ein sogenannter rechter Populismus sein Unwesen treibt. Wir alle wissen es besser: Er war niemals und nirgendwo anders als in unserer Mitte.

Die Eltern-Kind-Beziehung in der populistischen Rede

Und er ist schon allein deswegen in unserer Mitte, weil wir es hier auch mit unserer Elternbeziehung zu tun haben. Immer wieder hören wir in Reden der AfD und der rechten Bewegung von einem Lamentieren über »Zu-kurz-gekommene«oder »Abgehängte«; über »Eliten«»Altparteien«»die globalistische Klasse« (A. Gauland). Näher besehen wird hier verklausuliert von als dominant und feindselig empfundenen Repräsentanten des Volkes gesprochen, die für ein beschädigtes Selbstgefühl verantwortlich gemacht werden. Die »Zu-kurz-gekommene« oder »Abgehängte« seien vernachlässigt, ihnen eine hinreichende Zuwendung und Fürsorge vorenthalten oder gar eine solche gar geraubt worden. In dieser klagenden Kritik an den politischen Repräsentanten, die sich keinen Deut um jene »Abgehängten« kümmerten, obwohl sie doch für deren Wohl verantwortlich seien und sich darum sorgen sollten, schimmert die (An-)Klage gegen Elternfiguren durch.

Die sogenannten Tabubrüche der AfD können geradezu als feindselige Trotzreaktionen Abhängiger gegen das gleichsam »elterliche Establishment«verstanden werden. Der Trotzaffekt erscheint kaum verhüllt: »Endlich sagt es mal einer und traut sich, gegen die herrschende Meinung die Stimme zu erheben«»die wollen uns umerziehen«. Die oft schon, z. B. von Piorkowski im Tagesspiegel vom 27.2.2019, registrierte und zu Recht diagnostizierte erschreckende »Verrohung des Diskurses« (nicht nur) durch die AfD, mutet in der Tat wie eine trotzig-pubertäre Reaktionsweise an, in der sich abhängig erlebende Adoleszente sich gegen die Werte und Einstellungen ihrer Eltern meinen wehren, abgrenzen oder diese gar entwerten zu müssen.

In einem solchen rechtpopulistischen Denken, das sich ausdrücklich gegen die »korrupten Eliten« positioniert, existiert nur eine Strategie: Sich rebellisch gegen alle demokratischen Werte und gegen jene, die diese Werte repräsentieren, zu verhalten; sprich: die elterlichen Repräsentanten, die in den gesellschaftlichen Institutionen das Sagen haben. Als Eliten stellen sie Auserwählte dar, Ausgelesene und die Besten der Gesellschaft, denen das Volk oder die Masse, jene »Abgehängte« und »Zu-kurz-gekommene«, gegenüberstehen und von den »Besten der Gesellschaft« ausgeschlossen sind. Sie und deren Wissen werden provoziert, ihre Werte angegriffen. Je provokativer der Tabubruch resp. der Angriff auf die (noch) gesellschaftlich anerkannten Werte und historischen Tatsachen, je lauter das Lamentieren über die »Lügenpresse«, desto mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit – als ob der Streit mit der »korrupten Elite« geradezu gesucht wird, um sich Anerkennung zu verschaffen und in dem Gefühl zu baden: »Wir sind wer!« Dergestalt aber schimmert die innere Seelenverfassung einer adoleszenten Strategie durch: Sie fühlt sich unsicher, abgewertet, gekränkt und »abgehängt« – ein tief verletztes und verstörtes Selbstgefühl, das sich selbst verachtet fühlt und nur im klagenden Lamentieren sich narzisstisch aufzuwerten sucht. Und die Unerträglichkeit dieses Lebensgefühls lässt die Projektion dieser schmerzlichen Gefühlszustände auf »korrupte Eliten«, die »Lügenpresse« und vor allen Dingen auf »Kulturfremde« Urständ feiern.

Die Parole »Wir sind das Volk!« will suggerieren, dass eine unbezweifelbare fraglose reale und konfliktlose Einheit des Volkes und seiner Kultur existiert, die geschützt werden muss; eine homogene Einheit, die allerdings über das Ausschließen und die Diskriminierung definiert wird und einer tieferen Sehnsucht nach einer narzisstisch erhebenden Zugehörigkeit Ausdruck gibt, von der »Kulturfremde« ausgeschlossen werden, »draußen« bleiben müssen.

Die »Verrohung des Diskurses« spiegelt sich daher auch in einem »Jargon der Verachtung« (Heitmeyer), der den politischen Gegner entwertet und zu verachten resp. zu verletzen sucht; diesem zuzuschreiben und das anzutun, was als gekränktes Selbstgefühl der adoleszenten Seelenverfassung als unerträglich empfunden wird. Hierin zeigt sich die innere Not, sich selbst aufwerten zu müssen, indem der Gegner verachtet wird. Eine innere Not, die ein tieferes Unglücklichsein und deutliche Regungen eines Selbsthasses offenbart, der – unkompensiert und kaum durch liebevolle Regungen und Selbstachtung noch beruhigt – nicht vor tätlicher Gewalt und Mord zurückschreckt. Jene sogenannten »Zu-kurz-gekommene« oder »Abgehängte« sind schnell bei der Hand mit der Empörung, von den »Eliten« ungerecht behandelt, nicht anerkannt und isoliert zu werden und unter der Hand schleicht sich der Hass, die Abwertung und Diskriminierung von Fremden/Geflüchteten ein. Und in diesem Zusammenhang hören wir dann die Rede von einem polarisierenden Gegensatz zwischen einer »korrupten Elite«, und dem »reinen Volk«, das eben zu kurz kommt und abgehängt wird – sprich: der ewige Gegensatz zwischen den »infamen Eltern« und dem »unschuldigen Kind«. Schließlich wird dieser »Jargon der Verachtung« in der gesellschaftspolitischen Arena und digitalen Medien zum Selbstzweck und der Tabubruch zum (Partei-)Programm stilisiert.

Der Konflikt zwischen der Sehnsucht nach Heimat und einer demokratischen Haltung

Der inflationär gebrauchte Begriff der Heimat erscheint immer wieder als eine Vorstellung, die sich gegen die Moderne und natürlich gegen das Fremde richtet. Kein Wunder: Denn mit der Moderne und der Globalisierung begegnet uns immer wieder der Fremde. Aber in der Unbestimmtheit der rumorenden und kursierenden Vorstellungen bleibt dieser Begriff der Heimat allenfalls gefühlshaft, geradezu ein Gerücht, und regt eine diffuse Sehnsucht nach Verankerung an, die sich als antidemokratisch entlarvt.

Die Gegenüberstellung zwischen einem homogenen »reinen Volk«, das einer »korrupten Elite« ausgesetzt ist, spricht es schon aus, dass es keinen Kompromiss geben kann. Bekanntlich neigt eine adoleszente Seele zu einer totalitären und fundamentalistischen Haltung. Und weil das populistische Denken einer tief verankerten Unsicherheit und Angst entstammt, die bedingungslos aus der Wahrnehmung ausgesperrt werden muss, empfindet es sich auch als im Konflikt und Widerspruch zum Selbstverständnis des demokratischen Diskurses und des Grundgesetzes. In den Artikel 3, 4 und 5 wird das grundsätzliche Verbot einer Diskriminierung wegen der Abstammung, der Heimat und des Glaubens etc. ausgesprochen, die unverletzliche Freiheit des Glaubens und der Meinungsfreiheit gefordert. Die diskriminierende und das Grundgesetz angreifende Parole »Der Islam gehört nicht zu Deutschland!« bedeutet letztlich einen Angriff auf die deutsche Verfassung. In dieser Perspektive – welche Ironie! – sucht eine fremdenfeindliche Bewegung Deutschland abzuschaffen. Immerhin war es einer solchen schon einmal gelungen, 1933 den demokratisch verfassten deutschen Staat abzuschaffen. Diese kompromisslose und totalitäre Position, die eine fundamentalistische Politik »ohne wenn und aber« fordert, muss sich daher feindselig gegen die als wertlos und hinderlich diffamierte Verfassung und das institutionalisierte demokratische Reglement verhalten. Diese antidemokratische Haltung wird auch darin deutlich, dass in der sogenannten »anti-elitären« und »anti-pluralistischen« Einstellung die populistische Bewegung einen Alleinvertretungsanspruch behauptet, nur sie vertrete das Volk.

Alexander Gaulands FAZ-Artikel vom 6./7.10.2018 erscheint in umfassender und verdichteter Weise als Bestätigung unserer Überlegungen: Er spricht von »der Heimatlosigkeit der Eliten« – und schließt die narzisstische Dimension mit der Fremdenfeindlichkeit und einem verhohlenen Antisemitismus kurz. Es macht auch hier ganz den Eindruck, dass »die Eliten« zu einem Kampfbegriff werden. In Gaulands Vokabular von einer »globalistischen Klasse«, die sich gleichsam die Welt zu unterwerfen sucht, rumort fast unverhohlen das Gerücht von der jüdischen Weltverschwörung, die schon Treitschke öffentlich skandalisierte. Keineswegs zufällig lehnt sich die Rede von »einer kleinen, wurzellosen internationalen Clique« an das Vokabular der nationalsozialistischen Ideologie an. Im fremdenfeindlichen Blick verschwimmt der Unterschied zwischen dem »internationalen Judentum«»internationalen Kapital« und dem »internationalen Kommunismus«.

Diese Tabubrüche entspringen aus den Tiefen der kollektiven deutschen Mentalität. Das moderne Deutschland trägt noch schwer an der Identifizierung der Bevölkerungsmehrheit 1933-45 mit den Verbrechen der Diskriminierung, Verfolgung und Vernichtung »Kulturfremder«. Und das Auftreten rechtsradikaler Parteien durchzieht gleichsam die Geschichte der Bundesrepublik: Die 1952 verbotene Sozialistische Reichspartei, die sich wesentlich aus ehemaligen NSDAP-Mitgliedern rekrutierte und sich noch einer »Lösung der Judenfrage« im Programm verschrieb; und ebenso wie die 1964 gegründete NPD, die Republikaner der 80er Jahren, die von ehemaligen Mitgliedern der CSU gegründet wurde, fokussiert nun die 2013 gegründete AfD ihre Verlautbarungen auf eine »ethnische Homogenität«.

Die Wiedervereinigung, AfD und Pegida

Wenn auch die »Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes«, sprich: Pegida, sich 2014, unmittelbar nach Gründung der AfD, in häufigen Demonstrationen artikulierten, so wurde schon kurz nach der Wiedervereinigung Deutschlands 1989 der Schrei nach Heimat zunehmend lauter – ironischerweise just in dem Moment, in dem die deutsche Bevölkerung wieder ihre ungeteilte »Heimat« erleben durfte. Möglicherweise hat sich die fremdenfeindliche Pegida-Bewegung gerade auch deswegen wesentlich in den neuen Bundesländern organisiert, weil die DDR vierzig Jahre lang sich im totalitär verordneten Selbstverständnis wähnte, frei von allem nationalsozialistischen und antisemitischen Denken zu sein. Es entbehrt auch nicht einer gewissen bitteren Ironie, dass die Implosion der DDR auch mit der Massenflucht aus dem »heimatlichen Deutschland« in Richtung CSSR einsetzte. Als dann die Arbeitslosigkeit in den neuen Bundesländern wuchs, setzte verstärkt der Ruf nach der Heimat ein und wurde vehement eingeklagt. Treffend charakterisiert K. Decker im Tagesspiegel v. 8./11.10.2018 jene Ostdeutsche, die nicht ihre Heimat gen Westen verließen: »Sie kamen sich vor wie Flüchtlinge im eigenen Land: provisorische Existenzen. (…) heimatlos im eigenen Land. (…) Als stationärer Migrant (…) ist jeder Ostler per se Experte für Flüchtlingsfragen«.

2015 begegneten dann die ehemaligen DDR-Bürger wirklich heimatlos gewordenen Geflüchteten. Nun aber zeigten die Geflüchteten ein fremdes Gesicht, in dem die DDR-Bürger als seelisch zutiefst Beängstigte und Bedrohte sich gleichwohl wiedererkannten und das sie partout aus der Wahrnehmung zu verjagen suchten, gleichsam ihren Schatten verfolgten. Und auf die Geflüchteten wurde nun alles Beängstigende und in der inneren Welt Verfolgende projiziert und dabei nicht bedacht und wahrgenommen, dass nicht den sich allenfalls heimatlos wähnenden Deutschen, vielmehr den Geflüchteten die Bedrohung und Angst im Nacken saß.

Wenn auch republikweit rechtsradikale Bewegungen existieren, so kommt doch hierfür der kollektiven primären und sekundären Sozialisation in der ehemaligen DDR eine nicht unwesentliche Bedeutung zu. Hier spielt z. B. die weit verbreitete recht frühe Trennung der Kinder von den Eltern eine wesentliche Rolle, da dies zu einer erheblichen Belastung im Separationsprozess und labilen Autonomie-Entwicklung führt. Eine in der frühen Kindheit mehr oder weniger gelungene Separation von den Eltern ermöglicht eher eine Weltorientiertheit und -offenheit. Das unbedingte Festhalten einer Heimatverbundenheit scheint eher einem chronifizierten Trotz gegen die Eltern zu entsprechen und sich dann in einer »Elitenskepsis« niederzuschlagen. Die rigide Ablehnung einer weltweiten Verantwortung, die sich im Antlitz des Anderen zu erkennen vermag und in der die Unterscheidung zwischen »Volk« und »Nicht-Volk« zunehmend durchlässig wird, eine solche Ablehnung kann auch als eine Vermeidung verstanden werden, sich als Individuum und Bürger einer Zivilgesellschaft zu verstehen; als eine Unerträglichkeit und Aversion, sich als separiertes (autonomes) Individuum mit dem Fremden auseinanderzusetzen. Zweifellos fühlen wir uns mit Grenzen wohler, aber sie können – wollen wir lebendige, das Leben bejahende Beziehungen eingehen – nicht fest und starr bleiben.

Wenn auch in jedem von uns ein »Jargon der Verachtung« lauert, mit dem sich ein Höcke oder Gauland populistisch gebärden, so dürfen wir nicht vergessen, dass wir alle auch die Fähigkeit besitzen, ihn im Zaum zu halten; ihn zu bedenken und zu »re-flektieren«. Der Andere als Fremder gibt uns die Chance uns selbst zu erkennen. »Denn er ist wie Du«. Wir alle sind geboren und aus dem »Paradies«vertrieben worden.

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